Kerstin Schaack 2. April 2012
Es ist kurz vor Ostern. Die Lammzeit ist fast vorbei, aber es ist noch kalt draußen und die meisten Lämmer sind noch zu klein, um auf der Weide zu sein. Im Schafstall von Jörg und Maren Jensen in Sterdebüll geht es hoch her. Die Boxen sind voll mit Mutterschafen mit 1,2,3 oder sogar 4 Lämmern, jeden Tag kommen noch ein paar Neugeborene dazu. Jörg ist Kirchenvorsteher, aber in diesen Wochen wissen wir, dass wir nicht mit ihm rechnen können, um beim KV dabeizusein, die Kollekte nach dem Gottesdienst zu zählen oder sich um die Verwaltung der kirchlichen Ländereien zu kümmern. Er und seine Frau Maren haben alle Hände voll zu tun.
Die Kindergartenkinder haben sich an einem sonnigen Vormittag auf den Weg gemacht, um die Lämmer zu begrüßen. Im Stall wird es laut, als die Kinder hereinkommen – die Mutterschafe mähn und blöken erstmal, die Lämmer schwanken zwischen Angst und Neugier. So ist es auch bei den Kindern, aber die Neugier siegt ganz klar. Alle möchten gerne ein Schäfchen streicheln. Die Kinder dürfen überall hingehen, aber sie sollen vorsichtig sein. Die Erwachsenen helfen und erklären den Kindern, was sie im Stall sehen. Draußen vor dem Stall liegt ein totes Schaf, es ist in der Nacht gestorben. Einige Kinder schauen sich auch das tote Schaf ganz genau an. Schäfer Jörg erzählt, dass auch manche von den Lämmern die Geburt nicht überleben. Das sei jedes Jahr so und gehöre eben dazu, auch wenn es traurig ist. Die Kinder nicken.
Dann gibt es für die Kinder ein Picknick im Stall. Gleich neben den Schafen setzen alle sich ins Stroh und öffnen die mitgebrachten Brotdosen. Das tut gut nach der Wanderung von Uphusum nach Sterdebüll! “Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch unser nicht vergessen, lieber Gott, wir danken dir”, betet Erzieherin Theres mit den Kindern.
Dann wird es plötzlich noch einmal ganz spannend: ein Schaf soll gerade lammen! Jörg und Maren schieben das Mutterschaf in ein großes Hock, damit die Kinder zugucken können. Jörg leistet Geburtshilfe. Das rettet vielen Lämmern, die nicht richtig im Mutterleib liegen, das Leben – und den Schafmüttern auch. Vorsichtig werden zwei kleine, nasse, blutige Lämmer ans Tageslicht gezogen. Die Schafmutter beginnt, sie zu sauber zu lecken und frißt die Nabelschnur einfach ab. Zuerst sehen die Zwillinge wie tot aus, doch nach kurzer Zeit stellen sich die Lämmer auf die Beine und wollen trinken. Die Kinder sind fasziniert und haben viele Fragen.
In ein paar Monaten werden die Lämmer auf dem Teller landen. Daran mag man noch gar nicht denken, wenn man die süßen Kleinen heute sieht oder wenn sie in ein paar Wochen munter ihre Bocksprünge auf den weiten Wiesen und den Deichen machen. Hier in Nordfriesland gibt es superlecker Salzwiesenlammbraten, Lammbratwurst, Lammbuletten und so weiter. Das mit dem Schlachten haben wir mit den Kindern aber noch nicht so genau thematisiert, obwohl viele im Prinzip schon wissen, dass man Tiere schlachten muss, um Wurst auf dem Brot zu haben. Eines Tages wird Ihnen das klarer werden. Vielleicht werden sie sich dann an die Besuche im Lämmerstall erinnern und daran denken, dass auch Tiere zu Gottes guter Schöpfung gehören, dass sie ein Recht auf ein schönes Leben und artgerechte Haltung haben – auch wenn das Leben von Schlachttieren meist kurz ist.
Vielleicht werden die Kinder auch an die Sterdebüller Lämmer denken, wenn sie mal die Geschichte vom verlorenen Schaf hören, das der gute Hirte so lange sucht, bis er es gefunden hat. Oder von Jesus, der “das Lamm Gottes” genannt wird, weil er sein Leben für andere hingegeben hat. Trotzdem ist Jesus immer bei uns, denn Gott hat ihm ja ein neues Leben gegeben. Daran denken wir an Karfreitag und Ostern. Und das ist bald.